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 Bernd Mast
 

  vr 4
 Oper Berlin Balettsaal
 200 x 78 cm
 C-Print


 


 

 

Die Schönheit der Lüge

Die Bilder sind bezaubernd schön: Es glitzert und glänzt in diesen Räumen,
die Bernd Mast aufwändig fotografiert hat; es schimmert und strahlt; glatte,
edle Flächen, Materialien und Spiegel unterstreichen noch die Eleganz dieser
Säle,die etwas ganz besonderes sind. Das sind nicht die Wohnzimmer normaler
Leute, das sind nicht die unaufgeräumten, vom Alltagsleben gezeichneten
Kammern, in denen wir essen, trinken, schlafen, lieben – es sind besondere
Räume, deren Schönheit nicht jedermanns Sache ist und nicht sein soll.

Insofern wären sie für manchen Betrachter fast belanglos, denn er kommt kaum
oder nie in einen Ballettsaal, in die Suite eines teuren Hotels, den
Ankleideraum eines Theaters. Und doch wird der Blick angezogen von diesen
fast schmerzhaft scharfen Fotos – gerade, weil sie solch ungewöhnliche Orte
zeigen, und weil diesen Orten etwas fehlt.
Es mag gar nicht sofort auffallen – doch diese anfangs winzige
Verunsicherung verfestigt sich bald – und wird zur Gewissheit: Es fehlen nicht nur die
Menschen, die diese Räume nutzen könnten, es fehlt vor allem der Fotograf,
der doch in all diesen Spiegeln zu sehen sein müsste.

Fotos lügen nicht, meint der Volksmund, und er irrt, wie so oft. Fotos gäben
die Wirklichkeit wahrheitsgetreuer wieder als die Malerei – auch dies wurde
längst ad absurdum geführt. Nicht nur in den Diktaturen, in denen Personen
so in ein Foto montiert oder weg retuschiert wurden, wie sie ins politische
Bild passten, nicht nur, weil der Ausschnitt, den der Fotograf wählt, auch
eine subjektive Wahl und damit Manipulation ist.

Und doch hat die Fotografie unsere Wahrnehmung gerade in diesem Sinne
verändert – wir sind noch immer geneigt, etwas für “wahr”, für “tatsächlich
geschehen”, für “wirklich” zu halten, nur weil man es fotografieren kann.
Unter anderem so ist die Jagd der Boulevard-Presse nach Bildern von
Katastrophen zu erklären – erst wenn wir das Opfer sehen, scheinen wir zu
glauben, dass es wirklich ein Opfer gibt.
Als wäre unsere Phantasie schon so verkümmert…

Insofern treibt Bernd Mast ein gewagtes und intelligentes Spiel mit unserer
Wahrnehmung. Auch er scheint in seinen Fotos etwas vorzutäuschen, das nicht
wahr sein kann – obwohl es doch so verführerisch wahr wirkt. Doch diese
Fotos – die ähnlich inszeniert sind wie die großen Arrangements von Jeff
Wall – können uns nur belügen, wenn wir uns belügen lassen. Wir sehen, was
wir sehen wollen – und wir sehen nur, was wir wissen.

Diese Fotos verweisen gleichzeitig noch auf andere Dimensionen der
Wirklichkeit. “Das Leben als solches ist nicht die Wirklichkeit. Wir sind
es, die Steinen und Kieseln Leben verleihen”, hat der amerikanische
Landschaftsfotograf Frederick Sommer gesagt.

So zeigen diese Fotos auch, was bleibt, wenn es den Menschen nicht mehr
gäbe, der diese Räume benutzt, in ihnen Unordnung und damit Leben stiftet: Es
wären nur kalte, blaue Räume – (oder – noch schlimmer – grüne…), die in
ihrer kühlen Eleganz geradezu etwas Unmenschliches haben.

Bernd Mast zelebriert diese Gedankenspiele mit distanzierter, fast
wissenschaftlicher Präzision und großer künstlerischer Meisterschaft und
aufwändiger Bearbeitungstechnik.

Diese Fotos sind damit eine Art befremdlicher, kühler, verstörter und
verstörender Abgesang auf die Menschen – in dem Sinne, wie ihn der
amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut jr. ganz warmherzig, aber nicht
weniger präzise formuliert hat:

Wenn das letzte Lebewesen
Unseretwegen gestorben ist,
wie poetisch wäre es,
wenn die Erde sagen könnte,
mit einer Stimme, die
vielleicht
vom Grunde
des Grand Canyon heraufkäme:
“Es ist vollbracht.”
Den Menschen hat es hier nicht gefallen.

Nur dass bei Bernd Mast die Stimme nicht vom Grunde des Grand Canyon käme,
sondern aus dem blank polierten Waschbecken eines Nobel-Hotels.

Matthias Zwarg

http://www.badfoto.de/

 

kurze Vita:
-Bernd Mast geb. 1954 in Halle (Saale)
-Lehre Elektromonteur
-Seefahrt
-Studium Elektrotechnik
-knipsen seit Kindheit
-fotografieren seit etwa 1980

Ausstellungen:
Zwickau, Dresden, Leipzig, Lichtenstein, Hainichen

Reisen:
Russland, Schweden, Norwegen, Italien, Spanien, Marokko, Argentinien, Chile, China, Japan, Vietnam

1954 in Halle/Saale geboren, widmet sich Bernd Mast seit 1980 der künstlerischen
Fotografie. Anregungen für seine mit intellektuellem Augenzwinkern komponierten
Bildfolgen sammelt der Künstler in der ganzen Welt. Seine Reisen führten ihn durch
Russland, Schweden, Norwegen, Italien, Spanien, Marokko, Argentinien, Chile, China, Malaysia, Japan und Vietnam. Gut besuchte Ausstellungen in Dresden, Leipzig, Hainichen und Lichtenstein sind Meilensteine auf dem Weg des hauptberuflich an der FH Zwickau tätigen Labor-Ing., der vor seinem Studium der Elektrotechnik zur See fuhr und mit seinen Bildern schon manches nachdenkliche Schmunzeln ausgelöst hat...